Chansons in drei Sprachen

Die Sängerin Blandine Bonjour koordiniert die „FranzösischeWoche“ auf Mannheimer Seite – Sie lebt seit vielen Jahren hier

VON JAN MILLENET

Eines Tages im Jahr 1968 klingelte das Telefon bei Familie Bonjour, wohnhaft in der Nähe von Lyon. „Blandine braucht nicht mehr zur Schule zu kommen“, sagte die Stimme am anderen Ende. Mit einem Schulausschluss so kurz vor dem Abitur hatte die 18-Jährige überhaupt nicht gerechnet. War das die Konsequenz einer nicht besuchten Dreikönigsmesse? Oder weil Blandine Bonjour auf einer Weihnachtsfeier im Internat ein Lied des französischen Sängers Jean Ferrat gesungen hatte? Ein Lied über die Revolte der Matrosen in der ersten russischen Revolution. „Mit 18 war ich nicht politisiert“, sagt Blandine Bonjour. Doch das hat sich gewaltig geändert.

Heute lebt Bonjour im Mannheimer Stadtteil Almenhof und genießt ihre Rente. Dem Singen ist sie treugeblieben. Sie lacht, wenn sie die Geschichte von damals erzählt. Diese ereignete sich in St. Etienne, einem streng katholischen Milieu. Ferrats Chanson „Potemkine“ hatte die junge Blandine gesungen, weil es ihr gefallen hatte, weil sie den Text mochte – nicht, weil sie revoltieren wollte. „Die Nonnen haben das Lied erst gar nicht verstanden“, erzählt die Französin in perfektem Deutsch mit dem lieblichen französischen Akzent. Aber es war wahrscheinlich der Einstieg in die Sparte des Chanson. Nun ist sie damit deutschlandweit unterwegs. Blandine Bonjour startete im Herbst 1968 ein Germanistikstudium in St. Etienne. Das war der Grund für einen Aufenthalt in Deutschland im Sommer 1969, wo die Sängerin ihre große Liebe fand. Mit ihrem Mann ist sie nun 44 Jahre verheiratet. Sieben Jahre lebte sie mit ihm damals in Aachen, studierte dort noch Geschichte und Romanistik. Gemeinsam gingen die beiden nach Frankreich zurück, dem Geburtsland des ersten Sohns Martin. Blandine Bonjour schloss ihr Germanistikstudium ab und arbeitete in einem Kulturverein.

Rheinpfalz 15. 10. 2014Singt gerne revolutionäre Lieder: Blandine Bonjour. FOTO: KUNZ

Eine Arbeitsstelle ihres Mannes brachte sie letztlich nach Mannheim. Der zweite Sohn kam in den 80er Jahren zur Welt. Die Gedanken an eine Rückkehr nach Frankreich rückten in die Ferne. „Wegen der Kinder“, sagt Blandine Bonjour. „Wir haben hier Wurzeln geschlagen und Freunde gefunden. Wir fühlen uns wohl in Mannheim.“ Die Französin arbeitete an der Uni, gab Sprachkurse in Unternehmen und an der Abendakademie und kümmerte sich als Erzieherin um Kinder. Gesungen hat sie schon immer. In den 90er Jahren tat sich Blandine Bonjour mit französischen Freundinnen in Mannheim zusammen. Die „balladines“ treten auch heute noch auf.

Richtungsweisend war das Jahr 2003. Blandine Bonjour traf auf den Mannheimer Liedermacher Bernd Köhler. Seine Lieder sind schon lange sehr politisch. „Köhler hat mich auf die Bühne gebracht“, so die Wahl- Mannheimerin. Sie entdeckten das gemeinsame Interesse an Gerechtigkeit. „Die Kunst und die Politik verbinden uns“, sagt sie. Aus einem unkonventionellen Französischkurs, Köhler wollte eigentlich nur seine Fremdsprachenkenntnisse vertiefen, erwuchs ein Chanson-Duo, das einerseits Liederabende veranstaltet, andererseits beispielsweise aber auch auf Gewerkschaftsveranstaltungen auftritt. Revolutionäre Lieder und Bauernlieder auf Deutsch, Französisch, aber auch auf Englisch – darauf haben sich die beiden spezialisiert. Zurzeit arbeiten Köhler und Bonjour an ihrer dritten CD.

Sie möchte die französische Kultur in Deutschland bekanntmachen. Die „Französische Woche“ ist eine gute Gelegenheit dafür. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Véronique Rigaud-Költzsch koordiniert sie die Angebote auf Mannheimer Seite. Doch auch sonst liegt ihr viel daran, dass sich Deutsche und Franzosen näherkommen. Im Mannheimer Café Filsbach hat Blandine Bonjour ein Treffen ins Leben gerufen, bei dem sich jeden zweiten Donnerstag im Monat Franzosen und Deutsche treffen.

NOCH FRAGEN?

Die „Französische Woche“ läuft vom17. bis 26. Oktober. Ein Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf dem Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren ausgebrochen ist. Das Festival erfreut sich seit 2006 einer wachsenden Besucherzahl. Das Programm gibt es im Internet: www.französische-woche.de.